Geschichten – Das Rentier und die Blume

Das Rentier und die Blume

Eine pädagogisch wertvolle Kurzgeschichte von Christoph Schaaf

 

In einem kleinen, winterlichen Wald lebte ein junges Rentier mit seiner Rentierfamilie.

Das junge Rentier war ein guter Freund des Weihnachtsmannes und half ihm, zusammen mit sieben weiteren Rentieren jedes Jahr dabei, den unglücklichen Kindern dieser Welt eine Freude zu bereiten. Dazu trafen sie sich gewöhnlich bei der einsamen Tanne und machten sich von dort aus mit vielen Geschenken auf den Weg zu den Kindern. Während der Weihnachtsmann dafür zuständig war, den richtigen Weg zu finden und den Kindern die Geschenke zu geben, die ihnen zustanden, zogen die Rentiere gemeinsam den Schlitten, wobei sie stets darauf achteten, dass jeder die gleiche Last zu tragen hatte.

Als sich das junge Rentier gerade auf den Weg zur einsamen Tanne machen wollte, kam seine Mutter aufrentier5 ihn zu und sagte ihm, dass es sich beeilen soll, da ein Schneesturm im Anmarsch sei.

Das Rentier schenkte diesen Worten jedoch kaum Gehör und schlenderte gemütlich in Richtung Tanne. Auf seinem Weg dorthin beobachtete es die Rehe beim Versteckspiel, sah den Bären beim Honigschlecken zu und bemerkte dabei gar nicht, wie sehr sich der Himmel verdunkelte.

Als es plötzlich anfing, heftig zu schneien und dem Rentier ein schauriger Wind ins Gesicht wehte, erinnerte es sich an die Warnung der Mutter und ging schnellen Fußes in Richtung des Treffpunktes.

Doch schon bald wusste es nicht mehr wo es war, denn der Schneesturm erschwerte ihm die Sicht und auch das Laufen wurde im zunehmend tiefer werdenden Schnee immer schwieriger. Der Trampelpfad an dem sich das Rentier stets orientiert hatte, war verschwunden und es war nichts weiter zu sehen, als eine glitzernde weiße Schneelandschaft. Wie ein eisiger Schauer durchzog ihn die Erkenntnis, dass es sich verlaufen hatte und so stapfte es voller Panik durch den Schnee. Je mehr Angst es bekam, desto unsicherer wurden seine Schritte und so kam es, dass es hinfiel und einen steilen Abhang hinunter rutschte. Das Rentier wurde von einer lähmenden Kälte eingehüllt und spürte wie die kalte Hand des Todes langsam nach ihm griff.

rentierPlötzlich erstrahlte ein goldglänzendes Licht in einiger Entfernung, welches ihm ein seltsames Gefühl von Hoffnung vermittelte. Es raffte sich auf und schleppte sich zu der Quelle des Lichtes. Dort angekommen, erblickte es eine goldglänzende Blume, die anmutend auf einer Lichtung stand und der eisigen Kälte zu trotzen schien. Die Blume strahlte eine einladende Wärme und Freundlichkeit aus und so setzte sich Rentier zu ihr. Schon bald verschwand die eisige Kälte aus seinem Körper und die Güte der Blume trieben dem Rentier die Tränen in die Augen, so dass es bitterlich zu weinen Anfing.

„Warum weinst du“, fragte die Blume. Mit ungläubigen Augen betrachtete das Rentier die Blume und fragte dann: „Du kannst sprechen?“. „Ich kann nicht sprechen, ich habe doch gar keinen Mund“, antwortete die Blume und sagte dann mit einer liebevollen, sanften Stimme: „Aber dein Herz kann meine Stimme empfangen“.

Das Rentier schaute in sich hinein und merkte, dass es die Stimme der Blume tatsächlich nur in seinem Herzen gehört hatte und sagte dann: „Ich weine, weil ich mich verlaufen habe und weil ich bestimmt nie mehr wieder nach Hause finden werde“. Daraufhin antwortete die Blume: „Das ist doch kein Grund zum weinen“ und plötzlich liefen goldene Tränen an der Blume herunter und dort wo sie den Boden berührten, bildete sich etwas, was wie ein goldener Spiegel aussah. Dann fragte die Blume mit einer tiefbewegten, traurigen Stimme: „Weißt du warum ich weinen muss?“. Das Rentier überlegte eine kurze Weile, wusste aber nicht, was es antworten sollte.

„Ich weine, weil ich die Qual deiner Rentierfreunde spüren kann“, sagte die Blume, „denn deine Rentierfreunde haben schon so eine große Last zu ziehen und nun müssen sie deinen Teil auch noch mittragen“. Diese Worte legten sich wie ein schwerer Schleier auf das Herz des Rentieres und plötzlich sah es, wie sich die goldene Spiegelfläche in eine glänzende weite Schneelandschaft verwandelte.

Es hörte auf einmal das monotone Geräusch von langsam hin und her schwingenden Glöckchen und scheinbar aus dem Nichts tauchten sieben Rentiere auf, die einen voll beladenden Schlitten zogen. Das junge Rentier sah die verbissenen Mienen seiner Rentierfreunde, die sich bemühten auch ohne ihn die schwere Last zu ziehen. Es sah den verzweifelten Gesichtsausdruck des Weihnachtsmannes, der nicht wusste, wie er all die vielen Geschenke zu den Kindern bringen soll, wo sie doch jetzt so viel langsamer waren als sonst.

rentier3Nach einer kurzen Weile veränderte sich das Spiegelbild erneut und das Rentier sah, zwei unglückliche Kinder weinen und es erkannte, dass der Weihnachtsmann es nicht geschafft hatte, bei diesen Kindern vorbei zukommen. Das Rentier wurde von tiefer Trauer erfüllt und in seinem Herzen wuchs der Wunsch, bei seinen Rentierfreunden zu sein, um ihnen von ganzem Herzen dabei helfen zu können, den unglücklichen Kindern dieser Welt eine Freude zu bereiten.

Als das Rentier erneut zu weinen anfing und seine Tränen die goldene Spiegelfläche berührten, begann die Spiegelfläche plötzlich sich langsam aufzulösen.

Die goldene Blume erstrahlte nun in noch schönerem Licht und sagte mit lieblicher Stimme: „Weil ich gesehen habe das dein Herz noch am richtigen Fleck ist, werde ich dir nun einen Rat geben: Siehst du die große alte Eiche auf der Lichtung dort vorne? Gehe dorthin und klopfe drei mal dagegen. Wenn du Glück hast, wird dir ein alter Schneehase die Tür öffnen. Dieser Schneehase kennt alle Abkürzungen in diesem Wald und du kannst ihn fragen, ob er dich nicht auf dem schnellsten Wege zu deinen Rentierfreunden bringen kann. Jedoch muss ich dir sagen, dass der Schneehase ungern Tieren hilft und junge Rentiere mag er am wenigsten“.

Das Junge Rentier bedankte sich für den Rat und die Gastfreundschaft der Blume und beschloss, den alten Schneehasen zu fragen, ob er ihm nicht helfen kann.

Doch bevor sich das Rentier auf dem Weg machte, stellte es der Blume noch eine Frage: „Wie kommt es eigentlich, dass es hier bei dir so schön warm und gemütlich ist, wo doch der ganze Winterwald in eisige Kälte getaucht ist ?“. Mit sanfter, leiser Stimme antwortete die Blume: „Weil ich zu allen Lebewesen freundlich und gutmütig bin, gibt es niemanden, der mir etwas zu leide tun will und auch die Kälte will hier bei mir nicht mehr kalt sein.“

Mit diesen Worten im Herzen erreichte das Rentier schließlich die alte Eiche. Als es gerade dreimal klopfen wollte, überkamen ihm plötzlich Zweifel. Würde denn der Schneehase ihm überhaupt helfen wollen, wo er doch junge Rentiere so wenig mag? Je mehr es darüber nachdachte, desto unsicherer wurde es. Es schien dem Rentier so, als ob er es niemals schaffen könnte, rechtzeitig zu seinen Freunden zu kommen und es wollte gerade umkehren, als ihm noch einmal die Worte der Blume einfielen. So nahm es seinen ganzen Mut zusammen und klopften schließlich dreimal gegen die Eiche. Ein alter störrischer Schneehase öffnete ihm und sagte: „Wer wagt es, mich um diese Zeit zu stören?“ „Ich“, antwortete das junge Rentier kleinlaut. Der Schneehase sah ihn mit grimmiger Miene an und fragte: „Und was willst du von mir?“. „Dich um Hilfe bitten“, antwortete das Rentier. „Ich helfe niemanden“, war die rentier2kalte Antwort des Hasen. Er wollte gerade die Tür zuschlagen, da sagte das Rentier mit sanfter Stimme: „Auch nicht, wenn ich dich von ganzem Herzen darum bitte?“. Der Schneehase hielt verwundert inne, hatte doch noch nie jemand in solch freundlicher weise mit ihm gesprochen. Das Rentier nahm noch einmal seinen ganzen Mut zusammen und erzählte dem Hasen seine Geschichte. Und weil das Rentier von ganzem Herzen sprach und alles genau so wiedergab wie es sich tatsächlich ereignet hatte, konnte der Schneehase nicht länger „nein“ sagen und so versprach der Schneehase ihm zu helfen. Der Schneehase brachte das Rentier auf dem kürzestem Wege zu seinen Freunden und so schafften sie es schließlich doch noch, allen Kindern ihre Geschenke zu bringen. Der Schneehase blieb noch den ganzen Abend lang mit den Rentieren und dem Weihnachtsmann zusammen und als die Arbeit getan war, setzten sie sich alle um ein Feuer herum, erzählten sich alte Geschichten und erfreuten sich an ihrer neu entstandenen Freundschaft.

Ende.


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