Geschichten – Der Regenmacher

Der Regenmacher

Inspiriert durch eine alte Überlieferung

Die Menschen in dem afrikanischen Land Simbabwe machten sich große Sorgen. Die Sonne brannte bereits seit vielen Wochen und es hatte schon lange nicht mehr geregnet. In den Brunnen und Wasserstellen gab es kaum noch Wasser und auch andere Vorräte waren bereits aufgebraucht. Die Menschen waren am Verdursten und selbst die Esel streikten bereits. Das Land benötigte dringend Regen, um die Wasserstellen wieder aufzufüllen. Doch war der Regen nicht in Sicht. Der Dorfälteste eines kleinen Dorfes hatte schon alles probiert. Er hatte sogar mit den Dorfbewohnern getanzt, um den Regengott um Regen zu bitten. Doch nichts half.

In seiner Not erinnerte sich der Dorfälteste an einen weisen Mann, der über viel medizinisches Wissen und auch über magische Kräfte verfügte. So einen Mann nennt man in Afrika „Schamane“. Dieser Schamane trug den Spitznamen „der Regenmacher“. Man nannte ihn so, weil er früher für die Dorfbewohner öfter Regen herbeigezaubert hatte. Er wohnte oben auf dem Berg in einer kleinen Hütte. In seiner Verzweiflung schickte der Dorfälteste seinen ältesten Sohn, um den Regenmacher zu bitten, für das Dorf Regen zu machen.

Der älteste Sohn machte sich auf den Weg. Der Weg war lang und beschwerlich. Nach einer Weile sah er am Wegesrand eine alte Frau, die schwach und leidend aussah. Als sie den jungen Mann erblickte, sah sie ihn flehend an und bat ihn um etwas zu essen. Der Sohn hatte noch etwas Proviant, aber teilen wollte er das nicht mit der Frau. Der Dorfälteste hatte ihm beigebracht: „Wenn man vorankommen will, muss man das eigene Überleben sichern. Denn nur der Stärkste kann überleben.“ Der Sohn erinnerte sich an diesen Rat und ging mit verachtendem Blick an der alten Frau vorbei.

Nach einem halben Tagesmarsch gelangte er schließlich zum Regenmacher. Er klopfte an die Tür einer Hütte, die aus Stroh und Lehm bestand und bat ihn um Hilfe. Der alte Schamane hörte sich die Geschichte des jungen Mannes an. Es tat ihm leid, zu hören wie sehr die Dorfbewohner litten. Doch er hatte sich bereits von den Menschen abgewendet. Fast wollte er schon antworten: „Ich habe keine Zeit mich um die Geschicke der Menschen zu kümmern. Denn ich bin ein Schamane und muss dafür sorgen, dass alles im Gleichgewicht bleibt und Mensch und Tier im Einklang mit der Natur leben.“ Doch da geschah plötzlich etwas Unerwartetes: Die Erde begann zu beben und seine Hütte brach langsam zusammen.

Erstaunt schaute er auf die Hütte. Obwohl die Hütte nicht sonderlich robust gewesen war, hatte er Wochen gebraucht, um sie zu errichten. Was sollte er jetzt nur machen? Ob er wohl im Dorf eine neue Hütte bekommen könnte? Einen Versuch war es wert und so versprach er, mit ins Dorf zu gehen und Regen zu machen.

Als er nach einem halben Tagesmarsch ins Dorf kam, fühlte er die Angst der Menschen und er spürte, dass etwas nicht stimmte. Etwas war in schrecklicher Unordnung. Er sah Menschen, die beschäftigt waren, aber jeder kümmerte sich nur um sich selbst. Alle gingen irgendeiner Arbeit nach, aber niemand kümmerte sich um den anderen. Es war, als wäre jeder nur noch für sich selber da.

Er wandte sich schließlich an den Dorfältesten und erklärte: „Gebt mir eine Hütte und bringt mir jeden Tag etwas Speise und Wasser. Ich werde mich zurückziehen und den Regen herbeizaubern. Geht ihr nur zur Arbeit und macht, was ihr immer tut.“

Man gab ihm eine Hütte und brachte ihm jeden Tag etwas zu Essen. Allmählich beruhigten sich die Menschen. Aber regnen tat es noch immer nicht.

Der Schamane versenkte sich in der Hütte in eine Art Meditation und fragte seine Vorfahren um Rat. Dazu betrat er in seinem Geiste die Welt, in die seine Vorfahren nach dem Tod gegangen waren. „Meine Vorfahren, meine Ahnen, ich erbitte eure Hilfe. Das Land ist verdorrt und die Menschen werden verdursten. Oh bitte erlaubt mir diese Frage: Warum bestraft Ihr das Dorf mit Hitze und Durst? Wie werden wir diese Plage wieder los?“

Seine Vorfahren gaben ihm jedoch keine Antwort auf diese Frage. Stattdessen löcherten sie ihn mit Fragen: „Schamane, warum regnet es nicht mehr? Schamane, warum ist das Land so verdorrt? Schamane, warum verließt du deinen Ort?“ Es war zum Verrücktwerden. Statt Antworten gab es nur noch mehr Fragen. Und Regen war noch immer nicht in Sicht.

Zwei Tage vergingen auf diese Weise und ihm fiel nichts ein. Am dritten Tag brachte man ihm eine Suppe. Als er nach der Schale griff, entglitt sie ihm und fiel zu Boden. Als er sich nach der Schale bücken wollte, geriet er aus dem Gleichgewicht und stürzte auf den Boden. Ärgerlich verkroch er sich in seine Hütte und schmollte eine Weile. Wie konnte so etwas nur geschehen? Er war doch ein großer Schamane, nun aber verhielt er sich so ungeschickt wie ein kleines Kind. Er bekam einfach nichts zustande.

Dann dachte er nach. Zuerst suchte er nach alten Zauberformeln und Gebeten. Aber es fiel ihm nichts Passendes ein. Dann begann er über die Fragen seiner Vorfahren nachzudenken. Warum hatte er seinen Ort verlassen und war mit dem Sohn des Dorfältesten mitgegangen? Vor seinem geistigen Auge sah er noch einmal die Szene, wie die Hütte langsam zusammenbrach, so als ob sie aus dem Gleichgewicht geraten war. Da dämmerte es ihm langsam. Etwas war nicht mehr im Gleichgewicht und es hatte etwas mit ihm zu tun. 

Am vierten Tag brachte man ihm wieder eine Speise. Sie wurden von einem jungen Mädchen gebracht. Sie sagte: „Ich habe heute den ganzen Vormittag für dich gekocht und meine letzten guten Zutaten für dich verwendet.“ Sie wünschte ihm guten Appetit. Zugleich überreichte Sie ihm einen selbst gebastelten Blumenkranz aus frischen Blumen und schenkte ihm ein mitfühlendes Lächeln. 

Diese warme Geste weckte etwas in seinem Herzen, das er lange nicht mehr gespürt hatte: Mitgefühl. Auf einmal wuchs ein Wunsch in seinem Herzen. Er wollte den Regen herbeizuzaubern. Nicht für sich, sondern für die Menschen in diesem Dorf, um ihr Leid zu beenden.

Schamane, warum ist das Land so verdorrt? Diese Frage kreiste immer wieder in seinem Kopf herum. Er schaute auf den Blumenkranz, der bereits vertrocknet war. Es war seltsam. Er konnte sich daran erinnern, wie frisch die Blumen ausgesehen hatten. Wie konnten sie so schnell vertrocknen? Auch er fühlte sich ganz vertrocknet. Innerlich vertrocknet. So als wäre sein Herz nur noch ein Stück trockenes Holz.

Am fünften Tag kam das Mädchen wieder vorbei. Sie brachte ihm Wasser und sagte: „Die Dorfbewohner haben dieses Wasser für dich aufbewahrt. Das ist das letzte Wasser.“ Das Mädchen schenkte ihm wieder diesen mitfühlenden Blick und überreichte ihm feierlich das Wasser.

Diese Geste rührte den Schamanen zu Tränen. Verschämt ging er in seine Hütte und weinte leise vor sich hin. Als eine seiner Tränen auf den vertrockneten Blumenkranz fiel, geschah etwas Seltsames: Eine der Blumen blühte plötzlich auf. So als hätte seine Träne sie wieder zum Leben erweckt.

Auf einmal fühlte er sich wie vom Blitz getroffen. Plötzlich verstand er, was nicht stimmte. Das Land war vertrocknet, weil es kein Wasser mehr gab. Hieß es in den alten Legenden nicht, Regentropfen seien die Tränen des Himmels? Er fragte sich, wann er das letzte Mal für einen Menschen eine Träne vergossen hatte. Da dämmerte es ihm erneut. Das Land war verdorrt, weil er keine Tränen mehr für die Menschen übrig hatte. Denn er hatte sich in seine Hütte verkrochen und wollte nichts mehr mit den Menschen zu tun haben. Er wollte sich nur noch um das Gleichgewicht kümmern und war schließlich selbst aus dem Gleichgewicht geraten. Es hatte aufgehört zu regnen, weil er aufgehört hatte wegen der Menschen zu weinen.

Als der Regenmacher dies erkannt hatte, spürte er den großen Wunsch, sich zu ändern und etwas für die Menschen zu tun. Als er sich daran erinnerte, wie sehr die Menschen unter ihrem Durst litten, vergoss er viele Tränen. Dann grübelte er eine Weile, was er für die Menschen tun könnte, doch ihm viel nichts Richtiges ein.

Dann sah er etwas Erstaunliches: Dort wo seine Tränen den Erdboden berührt hatten, wuchsen winzige Kakteen. Plötzlich erinnerte er sich daran, dass sein Vater ihm als Kind gezeigt hatte, aus einem Kaktus Wasser zu gewinnen. Das war die Lösung. Er könnte den Dorfbewohnern zeigen, wie man aus Kakteen Wasser gewinnt und ihnen auf diese Weise helfen, zu überleben.

So ging er zum Dorfältesten, um ihn von seinem Plan zu überzeugen. Zuerst erzählte er ihm von seinen Erkenntnissen. Davon, wie er aufgehört hatte, sich um die Menschen zu kümmern und dass ihm aufgefallen war, dass jeder im Dorf nur noch an sich selbst denkt. Der Dorfälteste hörte ihm aufmerksam zu. Er erinnerte sich an die Art und Weise, wie er seinen Sohn erzogen hatte. Da erschrak er plötzlich und bemerkte, dass er aus seinem Sohn einen selbstsüchtigen jungen Mann gemacht hatte. Als er weiter darüber nachdachte, erkannte er, dass seine Erziehung auch einen schlechten Einfluss auf das ganze Dorf ausgeübt hatte.

Erschrocken über sich selbst, fasste der Dorfälteste den Entschluss, sich zu ändern und dem Dorf zu helfen. So schlug der Dorfälteste dem Regenmacher vor: „Zeig mir einmal, wie man aus einem Kaktus Wasser gewinnt. Wenn ich es gelernt habe, werde ich zusammen mit meinem Sohn einige Familien darin unterrichten und diese ermutigen, ihr Wissen an die anderen Familien weiterzugeben. So kann jeder dem anderen helfen und das Dorf ist bald wieder mit Wasser versorgt.“

Der Regenmacher war von dieser Idee begeistert. Schnell zeigte er dem Dorfältesten und dessen Sohn die Technik. Man musste den Kaktus oben mit einem großen Messer abschneiden, dann das Fruchtfleisch innen herausholen und in ein Tuch packen. Das Tuch konnte man dann über einer Schale auswringen und so erhielt man Wasser. Und das Beste war, diese Kakteen wuchsen sogar in der Nähe der Hütten, so hatte man die Wasserquelle direkt vor der Haustür.

Der Dorfälteste lernte diese Technik schnell und auch sein Sohn stellte sich als sehr geschickt heraus. So zogen die beiden los, um die anderen Familien darin zu unterrichten. Die anderen Dorfbewohner lernten es schnell und die Familien begannen langsam aufzuatmen.

Als der letzte Dorfbewohner gelernt hatte, wie man aus einem Kaktus Wasser gewinnt, fing es an zu donnern. Kurz darauf zogen dunkle Regenwolken heran und wenige Minuten später goss es wie aus Kübeln.

Die Dorfbewohner waren ganz verdutzt. Dann rannten sie zum Regenmacher und fragten ihn: „Regemacher? Wieso regnet es gerade jetzt, wo wir selbst gelernt haben, Wasser zu machen?“

Der Regenmacher dachte kurz nach und antwortete: „Als ich in euer Dorf kam, sah ich, dass etwas in großer Unordnung war. Ich sah Menschen, die nur an sich selbst dachten und sich gegenseitig nicht halfen. Jeder kämpfte alleine mit seiner Angst. Da dachte ich über mich nach und bemerkte, dass auch ich nicht mehr in Ordnung war. Denn ich hatte aufgehört, mich um meine Mitmenschen zu kümmern. Als ich mich wieder in Ordnung brachte und meine Einstellung änderte, kamt auch ihr wieder in Ordnung. Und als ihr wieder in Ordnung kamt, wurde auch die Ordnung in der Natur wieder hergestellt. Und als die Natur wieder hergestellt war, begann es zu regnen.“

 

 

 

 


 

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